Vom Baumwollfeld zum Lieblingskleid
Von: Flurina Doppler, Karl Johannes RechsteinerDie Remei AG und ihre bioRe-Baumwolle
Vor zwei Jahrzehnten begann die Schweizer Textilfirma Remei AG mit dem Anbau von Bio Baumwolle. Ihr bioRe-Qualitätsstandard prägt heute eine ganze Lieferkette: Vom Bio-Baumwoll-Anbau in Tansania und Indien bis zu den Naturaline-Produkten in jeder Coop-Filiale.
Wer in einem Coop-Regal nach einer Naturaline-Strickjacke, Socken oder einem andern der 450 Bio-Baumwoll- Produkte greift, spinnt quasi einen unsichtbaren Faden zu rund 8000 Bauern in Tansania und Indien. Auf ihren Feldern bauen sie Baumwolle nach dem bioRe- Standard an, der neben den biologischen Anforderungen auch soziale und ökologische Kriterien berücksichtigt. Grossverteiler Coop ist mit seiner Naturaline-Textilkollektion weltweit eine der grössten Anbieterinnen von Bio-Baumwolle aus Fairem Handel – 2008/09 betrug der Umsatz bereits über 60 Millionen Schweizer Franken. In Coops Naturaline steckt bio- Re-Baumwolle von Remei AG, einer Textilfirma mit Sitz im zugerischen Rotkreuz. Seit 1994 entwickelte die Remei AG mit Coop die sozialen und ökologischen Anforderungen an modische Textilien stetig weiter. Inzwischen sind Produkte in bioRe Qualität in der Schweiz auch in den Sortimenten von Mammut oder der Trendmarke Erfolg zu finden, aber auch bei diversen anderen, mehrheitlich europäischen Unternhemen wie beispielswiese bei Monoprix in Frankreich, Globetrotter in Deutschland sowie bei Kunden in Benelux und Skandinavien.
Auf der Suche nach Bio
Der Weg der modischen Teile beginnt beim Baumwoll-Anbau. Weltweit wird erst ein Prozent aller Baumwolle nach Bio-Kriterien angebaut, faire Handelsbeziehungen, soziale und ökologische Arbeitsbedingungen sind noch seltener. So ist es nicht einfach, an entsprechende Rohstoffe heranzukommen: «Indien etwa wurde in den letzten Jahren t ein biofeindliches Umfeld», weiss Christa Suter, Geschäftsführerin der bioRe-Stiftung, die von Remei 1997 für die Förderung des Bio-Anbaus geschaffen wurde: «Rund 90 Prozent des in Indien erhältlichen Saatgutes für Baumwolle ist gentechnisch verändert.» Für die Bäuerinnen und Bauern sei es schwierig, an Bio-Samen heranzukommen. Deshalb hat die Stiftung mit Forschungsinstituten ein Projekt für Bio-Saatgut initiiert. Dass sich ein Textilunternehmen mit Saatgut beschäftigt, ist unüblich, aber konsequent auf dem Weg zu nachhaltiger Textilherstellung.
Freiräume statt Fertiglösungen
«Wir wollen möglichst keine Fertiglösungen und neuen Abhängigkeiten, sondern ein Zurückblicken und Lernen aus Fehlern», erklärt Remei-Geschäftsführer Patrick Hohmann im jüngsten Jahresbericht. So setzt Remei einerseits auf Zertifizierungen und Kontrollsysteme wie die Verordnung für Biolandbau, SA8000 oder BSCI. Andrerseits sucht Remei eigene Wege. Zum Beispiel setzt die Textilfirma beim Baumwollanbau auf eigene Sozialkriterien und nicht auf den Standard des globalen Verbandes der Fairtrade-Label- Organisationen (FLO), den Max Havelaar anwendet. Dass bioRe im Unterschied dazu keinen Mindestpreis vorschreibt, hat auch schon Kritik eingebracht. Das Argument von Remei: Die Marktfähigkeit und Qualität des Produkts seien für langfristige Vermarktung entscheidend, und damit für die gesicherten Einkommen der Bauern. Daher wird der Marktpreis plus eine individuelle Prämie bezahlt, welche den einzelnen Bauern in der Gemeinschaft stärkt. Ein Mindestpreis nütze den Bauernfamilien nichts, wenn dieser nicht marktfähig sei, so dass das Produkt keine Abnehmer findet. Denn eine Abnahmegarantie ist im Fairtrade-System nicht vorgeschrieben. Remei hingegen gibt die: Den Lieferanten in Indien und Tansania werden garantiert mindestens 80 Prozent Bis 2013 soll zudem die ganze Produktion CO2-neutral sein. Dieses ambitionierte Ziel verfolgt das Unternehmen mit Optimierung der Prozesse und dem Einsatz von alternativen Energieträgern sowie eigenen über die bioRe-Stiftung finanzierten Projekten wie Biogasanlagen oder effiziente Öfen bei den Baumwollbäuerinnen.
Übersichtliche lieferketten
Zurzeit produzieren rund 8000 Vertragsbauern die Baumwolle für bioRe India Ltd. und bioRe Tanzania Ltd., die die Baumwolle für Remei liefern: Es wird anschliessend in sechs Lieferketten – vier davon in Indien, eine in Tansania und eine in Litauen – gesponnen, gestrickt, gewoben, gefärbt, bedruckt und konfektioniert. Die Lieferketten von Remei sind also übersichtlich. Durch die langjährigen Beziehungen und das Monitoring vor Ort kennen Christa Suter und ihre KollegInnen die Betriebe persönlich. Die geringe Zahl der Zulieferer erleichtert sowohl die Kontrolle wie die Planung. Die verbindliche Kooperation kann es jedoch schwierig machen, allen Modetrends sofort zu folgen. Werden plötzlich ein spezieller Strick oder Aufnäher Mode, muss zuerst ein kompetenter Zulieferer gefunden werden, der die Remei-Anforderungen erfüllen kann.
lieferfirmen im Süden stärken
Der Fokus der BioRe-Stiftung liegt auf dem Baumwoll-Anbau, wo biologische und biodynamische Landwirtschaft gefördert wird. Seit 2003 ist die Stiftung Hauptaktionärin der Lieferfirmen im Süden: bioRe India Ltd. und bioRe Tanzania Ltd., die nach marktwirtschaftlichen Grundsätzen funktionieren müssen. Die Übertragung der beiden Firmen in die Stiftung sollte verhindern, dass die Unternehmen Kapital von ausländischen Investoren aufnehmen müssen, welche die Gewinne wieder aus den Produktionsländern abziehen. Mit der Stiftung als Hauptaktionärin werden die Gewinne – entsprechend dem Stiftungszweck – wieder in die Unternehmen investiert. Langfristig sollen die Aktien von der Stiftung an die Bauern in Tansania bzw. Indien übergehen, damit diese zu den Besitzern ihrer Firmen werden.
Strikt von dieser marktwirtschaftlichen Rolle getrennt sind die Sozialprojekte der bioRe-Stiftung. Da werden etwa Wassertanks oder schulische Einrichtungen finanziert. Die Finanzierung dieser Programme wird über Spenden sichergestellt. Remei selbst überweist jeweils einen Teil des Jahresgewinns an die bioRe- Stiftung. Weitere Spenden kommen von Kunden, welche Garn oder Bekleidung kaufen. Häufig werden sie dank Besuchen in Tansania oder Indien überzeugt, die Stiftung zu unterstützen. Mit Coop als wichtigster Kundin und Partnerin hat die Stiftung einen Fünf-Jahres-Spendenvertrag abgeschlossen.
Verbindlichkeit statt anonymität
Die Stärkung der Partner im Süden, insbesondere der bioRe Bauern, gehört zur Philosophie von Remei. Deshalb werden auch die bioRe-Kriterien jährlich von einem Komitee überprüft. Die Hälfte der Mitglieder sind Vertrags-Bauern: «Natürlich besteht dadurch ein gewisses Risiko für Remei», erklärt Christa Suter: «Die Bauern könnten sich für Richtlinien stark machen, die nicht in unserem Sinn ist. Doch die Diskussionen fördern den Dialog und das gegenseitige Verständnis. Ziel sind Entscheide im Konsens.» Im besten Fall wird aus der Gefahr also eine Chance und die Qualität der Kriterien und der Produkte steigt.
Mit solchen Massnahmen möchte Remei die Anonymität der heutigen Produktions- und Handelsbeziehungen aufbrechen – auf dem Weg zu einer sozialen und nachhaltigen Marktwirtschaft. Das soll an beiden Enden des Fadens spürbar sein: Auf der einen Seite sollen Konsumentinnen und Konsumenten Textilien mit gutem Gewissen kaufen können – auf der andern Seite werden die Lebensbedingungen der Bauernfamilien verbessert werden. Mit jeder Baumwollblüte, mit jedem T-Shirt.So möchte Remei die Anonymität der heutigen Produktions- und Handelsbeziehungen aufbrechen – auf dem Weg zu einer sozialen nachhaltigen Marktwirtschaft, spürbar an beiden Enden des Fadens: Auf der einen Seite erhalten Konsumentinnen und Konsumenten biologische und fair produzierte Textilien – auf der andern Seite werden die Lebensbedingungen der Bauernfamilien verbessert. Mit jeder Baumwollblüte, mit jedem T-Shirt.


