14. Januar 2012 | Alter: 39 days

Arbeitsbedingungen verbessern

Von: Mark Starmanns

Zwei Sozialstandards im Vergleich

Fast jede Bekleidungsfirma engagiert sich heute für Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsability) um die Arbeitsbedingungen in den ausgelagerten Produktionsstätten zu verbessern. Die verwendeten Ansätze unterscheiden sich zum Teil erheblich.

Die Arbeitsbedingungen in der asiatischen Bekleidungsindustrie sind oftmals menschenunwürdig. In vielen Ländern verdienen Arbeiterinnen während einer normalen 48-Stunden- Arbeitswoche zu wenig Geld, um ihre Familie zu ernähren. Deshalb arbeiten sie oft 30 bis 50 Überstunden pro Woche. Wollen sich Arbeiterinnen gewerkschaftlich organisieren, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern, werden sie gefeuert.
Um diese Situation zu verbessern, engagieren sich viele Firmen für die so genannte «Corporate Social Responsability» und sind einer freiwilligen Sozialstandard-Initiative beigetreten, die Definitionen für soziale Unternehmensverantwortung entwickelt haben. Sie legen fest, welche Arbeitsstandards ihre Mitglieder in welchen Teilen ihrer Lieferketten wie umsetzen müssen und unterstützen sie dabei.

Unabhängig ist glaubwürdiger

Ein grosser Teil der Schweizer Bekleidungshändler oder -marken ist einer dieser beiden Sozialstandard-Initiativen beigetreten:

  • Business Social Compliance Initiative (BSCI) – eine reine Business-Initiative, bei der Unternehmen alleine über die Regeln der Initiative entscheiden.
  • Fair Wear Foundation (FWF) – eine so genannte Multi- Stakeholder-Initiative, wo verschiedene Akteure gemeinsam Regeln zur Verbesserung von Arbeitsstandards in den Lieferketten definieren.

Die Zusammensetzung des Vorstands einer Initiative entscheidet massgeblich, welche Standards die Mitglieder umsetzen und was sie dabei berücksichtigen müssen. Legitimität und Effektivität einer Initiative stehen und fallen mit diesen Regeln. Multi-Stakeholder-Initiativen wie die Fair Wear Foundation werden eher als glaubwürdiger als Business-Initiativen angesehen, weil sie nicht nur die Interessen der Unternehmen berücksichtigen, sondern die Meinung der Arbeiterinnen und Arbeiter stärker integrieren.

Löhne als Prüfstein

Viele Initiativen sind sich mittlerweile einige, welche Sozialstandards definiert werden müssen. Nur bei den Löhnen gehen die Meinungen stark auseinander. So definiert die BSCI, dass Produktionsländern festgelegte Minimallöhne gezahlt werden müssen und argumentiert: Der Staat sei die einzige legitime Instanz, die Löhne der Arbeitenden festzulegen.
Aber um im globalen Standortwettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben, legen viele Produktionsländer nationale Mindestlöhne fest, welche die Bedürfnisse der Arbeitenden nicht abdecken. Beispiel dafür ist Bangladesch, wo 2010 ein Mindestlohn von 3000 Taka (ca. 30 Euro pro Monat) festgelegt wurde, obwohl ein Arbeiter bereits rund 70 Prozent davon für den Kauf von Reis ausgibt. Überstunden sind also in das System einprogrammiert, obwohl sie durch die Sozialstandards begrenzt werden sollten.
Deshalb will die Fair Wear Foundation, dass Unternehmen selber mehr Verantwortung übernehmen: Existenzsichernde Löhne («living wages») sollen garantieren, dass Arbeitende nicht unterbezahlt werden. Höhere Löhne sind ein wichtiger Schritt hin zu menschenwürdigen Arbeitsbedingungen, auch wenn es verschiedene Ansätze zur Messung eines Existenzlohns gibt und jede Initiativen einen anderen verwendet.

Kontrolle durch Audits

Sowohl die BSCI als auch die FWF kontrollieren mit so genannten Sozialaudits regelmässig den Zustand der Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Über solche Audits wurde in den letzten Jahren intensiv diskutiert. Es wird kritisiert, dass sie subjektive Momentaufnahmen seien, deren Qualität massgeblich vom Auditor abhänge. Ein von der Fabrik bezahlter Audit, dessen Ergebnisse geheim sind, hat für viele eine geringe Glaubwürdigkeit.
Kritisiert wird auch, dass ein Audit im Wesentlichen die sichtbaren Probleme aufzeigen könne, wie etwa unhygienische Toiletten, fehlende Verbandskästen, keine sicheren Feuerwege. Oft unentdeckt bleiben weniger sichtbare Aspekte, wie fehlende freie Vereinigungsmöglichkeit der Arbeiterinnen oder sexuellen Belästigungen oder Diskriminierungen durch Vorarbeiter. Schliesslich argumentieren Kritiker, dass Audits trotz hoher Kosten die Situation der Angestellten nicht verbesserten.
Aufgrund der umfassenden Kritik an der Glaubwürdigkeit von Audits verifiziert die FWF stichprobenartig, ob sie gut durchgeführt werden. Zusammengefasste Ergebnisse der Verifizierungsaudits können Interessierte auf der Website der FWF einsehen.
Kürzlich forderte die EU-Kommission mehr Transparenz von Unternehmen über ihre Aktivitäten in Sachen Unternehmensverantwortung. Hier punktet die Fair Wear Foundation sicherlich, da sie jedes Mitglied verpflichtet, einen sozialen Jahresbericht zu veröffent¬lichen und zusätzlich Zusammenfassungen der Verifizierungsaudits publiziert. Dagegen berichtet die Business Social Compliance Initiative nur zusammengefasst über Audit-Ergebnisse und die durchgeführten Trainings. Hier will man durch Quantität statt Qualität beeindrucken.

Unabhängige Anlaufstellen

Wie können Unternehmen darüber hinaus die Arbeiterinnen und Arbeiter stärker einbeziehen? Alle Initiativen führen in den Produktionsländern so genanntes «Capacity Building» durch – wodurch die Arbeitenden gestärkt und das Management in Effizienz und «Human Relations» geschult werden sollen.
Da die besten Auditoren die Werktätigen selbst sind, haben Initiativen wie die Fair Wear Foundation oder die Fair Labor Association an den Produktionsstandorten Beschwerdemechanismen eingerichtet. Eine von den Fabriken unabhängige Person ermöglicht es, Klagen über die Arbeitsbedingungen einzureichen, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen.
Solche Ansätze, die vor Ort die richtigen Bedingungen schaffen und Mitsprache ermöglichen, legen die Grundlage für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Bislang konnten allerdings solche Beschwerdemechanismen die Angestellten nicht hinreichend motivieren, ihre Rechte auch tatsächlich einzufordern. Hier ist also noch viel zu tun.

Preisdruck drückt Standards

Ein Produzent kann die Arbeitsstandards nicht verbessern, wenn seine Einkäufer, also die Handels- und Markenunternehmen, zu niedrige Stückpreise zahlen, welche soziale oder Umweltkosten nicht berücksichtigen, eine zu kurze Lieferzeit zulassen oder wenn sie in letzter Minute Änderungen an einer Bestellung einfordern.
Deshalb evaluiert die Fair Wear Foundation als einzige Standardinitiative jährlich die Strategie der Mitglieder, die sozialen Standards in den Lieferketten zu verbessern. Dabei prüft sie, ob die Einkaufsbedingungen auch tatsächlich erlauben, dass die Fabriken die geforderten Sozialstandards umsetzen.

Grosse Unterschiede

Die hier vorgestellten Initiativen sind in ihrem Ansatz sehr verschieden. Die Fair Wear Foundation verlangt ein stärkeres Engagement von ihren Mitgliedern als die Business Social Compliance Initiative. Der eher ganzheitliche Ansatz der FWF setzt sowohl bei den Einkäufern wie den Produzenten, aber auch bei den Arbeitern an und macht die Bemühungen relativ detailliert transparent. Die BSCI dagegen setzt primär auf Seite der Produzenten an, welche vor allem durch Audits und Trainings zu Verbesserungen getrieben werden sollen, was für die Mitgliedsunternehmen relativ günstig und effizient ist.

 

Schweizer Beteiligung

Die 31 Schweizer BSCI-Mitglieder stammen aus Detailhandel, Textilfachhandel, Werbeartikelherstellung, Import und Transport. Beispiele: Coop, Migros, Charles Vögele, Beldona, Schild, Intersport AG, PKZ, und Calida.
www.bsci-ch.org

Schweizer Firmen bei FWF sind: Blackout, CPT AG, Mammut Sports Group, Manroof GmbH, Mountain Force, Odlo International AG, Switcher SA, Transa AG.
www.fairwear.org


18. Februar 2012

NETZWERKFAIREMODE

Das geplante Online-Portal vom NETZWERKFAIREMODE – für alle, denen fair und ökologisch produzierte Mode wichtig ist – vereinfacht das Einkaufen, indem es über Nachhaltigkeitskriterien, Modelabels, Shops und Hintergründe im... » weiterlesen


08. Januar 2012

Augen auf beim Ferienkauf

Seit fünf Jahren ist das Reiseportal www.fairunterwegs.org online. Das innovative nonprofit-Portal bietet mit seinen Tipps und Hintergrundinformationen für Reisende, welche ihr Umwelt- und Sozialbewusstsein auch in die Ferien... » weiterlesen


 
.hausformat | Webdesign, Typo3, 3D Animation, Video, Game, Print