Fair produzieren für die anderen
Von: Thomas GröblyPrimäres Ziel des Fairen Handels ist die Bekämpfung von Armut. Die Entwicklung des Fairtrade-Zertifizierungssystems, das marginalisierten Bauern den Zugang zum internationalen Mark zu gerechteren Bedingungen ermöglicht, ist eine Erfolgsgeschichte. Viele Produkte aus südlichen Ländern haben bei uns beachtliche Marktanteile und eindrückliche Wachstumsraten. Im Folgenden sollen die Chancen und Grenzen dieses exportorientierten Ansatzes diskutiert werden.
Armut ist ein komplexes Phänomen und kann als „Gesamtlebensschwäche“ bezeichnet werden. Das bedeutet nicht nur ein Mangel an Geld oder Essen, sondern an Gesundheit, Bildung, Ausbildung, Arbeit, Netzwerken, Macht und nicht zuletzt Selbstvertrauen. Oft sind Menschen auf diesen Ebenen psychisch und physisch geschwächt. Wer also sich zum Ziel setzt, Armut zu bekämpfen, muss sich bewusst sein, dass nur ein vielfältiger Ansatz hilft.
Entwicklung erzeugt Armut
Oft wird in der Entwicklungszusammenarbeit der Fokus allein auf den Markt und eine Exportorientierung gerichtet. Südliche Länder sollen dann Soja, Zuckerrohr, Kaffee, Tee oder aktuell Jatropha-Nüsse und Ölpalmfrüchte für die Agrotreibstoffproduktion anbauen. Das hat oft fatale Folgen, indem nicht nur Regenwälder abgeholzt, sondern die KleinbäuerInnen von ihrem Land vertrieben werden, damit Exportfrüchte in ökologisch problematischen Monokulturen angebaut werden können. Das hat zwar manchem Land Devisen gebracht, welche aber selten zugunsten der Armen eingesetzt werden. Im Gegenteil. Dieser Ansatz fördert die Landflucht und die Verarmung in den Favelas der Vorstädte. Die Bäuerinnen und Bauern werden regelrecht in die Armut getrieben. Die Bekenntnisse zu Landreformen wurden, zum Beispiel von der brasilianischen Regierung Lula, nicht umgesetzt. Auch wenn das Leben auf dem Land oft hart und entbehrungsreich ist, die Landbewohner konnten ihre eigenen Lebensmittel anbauen und selbstbestimmt leben. Die Strategie der Exportorientierung und Marktintegration, welche von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds als Königsweg der Entwicklungshilfe gesehen und gefördert wird, hat zwar das Bruttosozialprodukt erhöht, aber gleichzeitig neue Formen von Armut erzeugt und die Kluft zwischen Arm und Reich vergrössert.
Geld macht abhängig
Armut mit dem Export von Rohstoffen zu bekämpfen ist zwiespältig. Einerseits ermöglicht er Einkommen, andererseits macht er auch abhängig. Wir haben verinnerlicht, dass wir mit Geld unser Leben finanzieren. Der Umweg übers Geld ist in einer arbeitsteiligen Gesellschaft sinnvoll, macht aber auch abhängig von Banken, von Kursschwankungen und von Angebot und Nachfrage. Wir geben einen grossen Teil an Selbstbestimmung auf. Die Finanzkrise hat zudem gezeigt, wie flüchtig Geld ist. In Irland überstanden nur diejenigen die Krise gut, welche möglichst wenig mit dem Finanzsystem vernetzt waren. Ähnlich erging es Menschen in südlichen Ländern, welche durch diese Exportorientierung von ihrem Land vertrieben und deren Existenz ruinierte wurde.
Der Markt ist blind
Alle Bäuerinnen und Bauern leiden weltweit an ähnlichen Problemen und müssen ums Überleben kämpfen. Sie kommen vom Markt unter Druck und können diesen nur begrenzt an die Mitarbeitenden und die Natur weitergeben. Es stehen sich viele BäuerInnen und wenige Abnehmer mit monopolartiger Macht gegenüber. Je unübersichtlicher und anonymer der Markt ist, desto brutaler wird die Macht ausgenutzt. Weil der Markt ökologisch und sozial blind ist, darf die Preisbildung nicht dem Markt überlassen werden. Die ökologischen und sozialen Schäden sind zu gross. Man sollte sich also nur auf Geschäfte und Märkte einlassen, die man mitgestalten kann.
Kampf gegen Armut braucht mehr
Was hat das nun mit Fairtrade zu tun? Hier kontrollieren ja die Produzierenden den Markt. Fairtrade ist ein individueller Ansatz, welcher den Markt durch vertragliche Vereinbarungen ergänzt. Das ist sinnvoll und wichtig. Wenn wir Armut bekämpfen wollen, braucht es aber eine Antwort auf die strukturellen Herausforderungen. Diese werden weitgehend unbeachtet gelassen. Mit Fairtrade sind nicht automatisch Bildung, Frauenförderung, nachhaltiger Umgang mit den Ressourcen, Forschung für bäuerliche Landwirtschaft, Ernährungssouveränität, Bekämpfung von Korruption, Gewalt und Alkoholismus gegeben. Allenfalls sind sie positive Begleiterscheinungen.
Geld kann man nicht essen
Die beste Armutsbekämpfung in ländlichen Gebieten sehe ich im leichten Zugang zu Boden, Wasser und Saatgut, in einer guten Ausbildung, in der Förderung der Frauen und der Selbstversorgung. Der Fokus sollte eine Orientierung an lokalen Märkten sein, damit die Abhängigkeiten minimiert werden. Diese Gedanken entsprechen dem Konzept der Subsistenzperspektive, welches dem Lokalen und Konkreten den Vorrang gibt vor dem Globalen und Abstrakten (wie etwa Geld). Subsistenz bedeutet nach Veronika Bennholdt-Thomsen, „über das Lebensnotwendige verfügen“. Es basiert auf der simplen und topaktuellen Erkenntnis, dass man Geld nicht essen kann. Ja, dass es fragwürdig ist, seine Existenz dem Geld und Geldsystem anzuvertrauen.
Fairness von unten
Politisch sehe ich im Konzept Ernährungssouveränität, welche die Kleinbauernorganisation Via Campesina entwickelt hat, einen Lösungsansatz. Die Macht über Agrarpolitik, Zölle und Handelsregeln, werden von lokalen oder nationalen Gremien bestimmt und nicht der Welthandelsorganisation überlassen.
Die Überwindung von Armut braucht eine konsequente Förderung der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Dies umso mehr als 70 Prozent der Armen auf dem Land leben und heute immer noch 43 Prozent aller Menschen Bäuerinnen und Bauern sind. Der UNO-Weltagrarbericht aus dem Jahr 2008 bestätigt diese Aussagen.
Wir müssen uns, auch bei Fairtrade-Produkten, um eine umfassende Fairness bemühen und uns auf eine vertiefte Armutsdebatte einlassen, welche die Einflüsse auf die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen mitbedenkt.


