Direkt und persönlich investieren
Von: Renata EstermannAuf kiva.org können auch Sie zum Investor werden und einen Kleinunternehmer in einem Entwicklungsland unterstützen: Mit 25 Dollar und einer Internetverbindung sind Sie dabei.

Kokou Dzide aus Togo ist einer von 424 973 Kreditnehmern, die dank kiva-Usern einen Kredit erhalten haben. (Foto: Abby Gray)
Neulich, ich sortierte gerade die vorweihnächtlichen Spendenanfragen aus meiner Post aus, hatte ich eine verrückte Idee: Was wäre, wenn es einen Ort gäbe, wo Menschen aus armen Verhältnissen sich und ihre Geschäftsidee vorstellen könnten. Ich könnte direkt mit ihnen in Kontakt treten, mein Geld ginge genau da hin, wo es gebraucht wird und ich würde konkret jemanden dabei unterstützen, einen nachhaltigen Weg aus der Armut zu finden: Der Traum jeden Spenders und vermutlich auch jeder Hilfsorganisation.
Ein Traum wird Realität
Im Unterschied zu mir hat Matt Flannery nicht nur geträumt, sondern bereits 2005 angefangen, diesen Traum in die Realität umzusetzen. Zusammen mit seiner Frau Jessica gründete er die Internetplattform kiva.org. Diese Plattform ermöglicht es Kleinunternehmern aus Entwicklungsländern sich mit einem Foto und einem kurzen Beschrieb ihres Projektes potentiellen Kreditgebern vorzustellen. Diese Möglichkeit hat auch Cookey Nosayana aus Nigeria genutzt. Er betreibt ein Internetcafé in Benin City. Seine Kunden kommen zu ihm, um Kontakt mit entfernt lebenden Verwandten und Freunden zu halten, sich zu informieren und Computer-Kurse zu belegen. Um den Service für seine Kunden aufrechtzuerhalten, ist er auf einen Generator angewiesen, da das nigerianische Stromnetz ständig von Ausfällen betroffen ist. Diese Stromausfälle kosten ihn jedoch eine Menge Geld: 68 Dollar pro Tag muss er ausgeben, wenn er seinen Dieselgenerator anwerfen will. Cookey Nosayana wüsste wie er diese Kosten reduzieren könnte. Mit einem neuen Benzin-Generator mit regelbarer Ausgangsleistung müsste er nur noch 26 Dollar pro Tag ausgeben und könnte das restliche Geld in sein Unternehmen und in das Schulgeld seiner Kinder investieren. Dazu fehlen ihm aber 875 Dollar. Deshalb beantragt er einen kiva-Kredit. Sein Profil wird auf kiva.org aufgeschaltet und innerhalb eines Tages ist der Kreditbetrag beisammen. John aus New York, Mark aus Kanada und zehn andere Geldgeber haben seinen Antrag auf kiva.org gesehen, fanden es eine tolle Investition und haben einen Beitrag überwiesen. Alles was sie dazu brauchten war eine Internetverbindung und eine Kreditkarte. Einfach, schnell, direkt und nachhaltig, ein Spender-Weihnachtsmärchen wird wahr. Weniger als ein Jahr später hat Cookey Nosayana den Kredit zurück gezahlt und die Investoren können entscheiden, ob sie das Geld neu investieren, spenden oder sich auszahlen lassen wollen.
Prinzip Glasnost
Aber wie der Leser vielleicht schon vermutet hat, ist die Realität wie immer um einiges komplexer. Das Schöne an kiva.org ist, dass man sich als Spender oder Investor entscheiden kann, ob man auf der „Märchen-Ebene“ bleiben oder sich in die Tiefen der vielschichtigen Realität begeben möchte. Eines der Prinzipien von kiva.org ist Transparenz. Ziel von kiva ist es auf ihrer Website möglichst viele Informationen über die Geldgeber, die Kreditnehmer und die Partner aufzuschalten. Damit soll einerseits die Bindung zwischen den Teilnehmern an diesem System gestärkt werden und andererseits soll es den Geldgebern ermöglichen, abzuschätzen, auf was sie sich mit ihrer Investition einlassen. Wenn ich also Cookey Nosayanas Kreditantrag ansehe, finde ich, neben Informationen zu seiner Person und seiner Geschäftsidee eine Menge weiterer Daten. Ich kann z.B. sehen, dass der Kredit nicht direkt an Cookey Nosayana sondern an einen sogenannten „Field Partner“ geht. „Field Partner sind Mikrofinanzinstitutionen, die vor Ort arbeiten und Kredite an Menschen vergeben, die von Banken als nicht-kreditwürdig eingestuft werden, da sie keine Sicherheiten besitzen und die Betreuung zu aufwändig wäre. Dieser „Field Partner“ sichert den Kontakt zwischen dem Kreditnehmer und kiva.org. Denn viele Kreditnehmer sind nicht in einer privilegierten Situation wie Cookey Nosayana. Kaum einer hat Zugang zu Computer und Internet und viele können weder lesen noch schreiben. Es ist also in erster Instanz ein Angestellter dieser Mikrofinanzinstitution, der den Kreditantrag prüft, die Informationen über die Person und die Geschäftsidee einholt und das Ganze dann aufs Netz stellt. Aus dem Antrag von Cookey Nosayana kann ich auch erkennen, dass das Mikrofinanzinstitut, im Gegensatz zu kiva.org, vom Kreditnehmer Zinsen verlangt. Und das im Fall von Cookey Nosayana nicht zu knapp. LAPO, so heisst das Mikrofinanzinstitut, hat eine durchschnittliche Zins- und Gebührenrate von 83 Prozent (der Landesdurchschnitt für ähnliche Institute ist 52, die Rate für alle kiva Partner beträgt durchschnittlich 38,92 Prozent). Kiva hat deshalb die Zusammenarbeit mit LAPO vorläufig eingestellt und eine Untersuchung eingeleitet. Auch solche Hinweise finde ich auf der Website, genauso wie Informationen über die bisherigen Ergebnisse der Untersuchung.
Von Mensch zu Mensch
Um den Kontakt zu den Kreditnehmern und den Partnerorganisationen aufrechtzuerhalten und den sorgfältigen Umgang mit den Geldern sicherzustellen, verfügt kiva über verschiedene Instrumente, eines davon sind die „kiva-fellows“. Das sind Freiwillige, die bereit sind mindestens zehn Wochen bei einer der Partnerorganisationen zu verbringen. Sie unterstützen diese im Kontakt mit kiva, besuchen die Kreditnehmer und berichten auf der kiva-Website über ihre Erfahrungen. „Jedes Mal wenn ich Kreditnehmer treffe“, schreibt z.B. Leah Gage, kiva fellow in Togo, „erkläre ich ihnen, dass, sagen wir, dreissig verschiedene Personen aus der ganzen Welt ihr Foto gesehen, ihre Geschichte gelesen und sich entschieden haben ihre Geschäftsidee zu unterstützen. Was die Kreditnehmer gewöhnlich am meisten berührt ist, dass jemand aus einem anderen Land sie ausgesucht hat. Diese Wahl war persönlich, sowohl für den Kreditnehmer als auch für den Geldgeber. Und diese Wahl hat das Leben des Kreditnehmers verändert …“. Diese persönliche Verbindung zwischen Geber und Nehmer macht den Erfolg von kiva.org aus. Innerhalb von fünf Jahren wurden bereits über 100 Millionen Dollar an Krediten vergeben. Was die Geldgeber motiviert sind für einmal nicht die möglichen Gewinne, sondern die Informationen, die eine Beziehung zu ihrer „Investition“ ermöglichen. Noch ist dieser Informationsfluss ziemlich stockend und tröpfelt über kiva-fellows und Mikrofinanzinstitutionen zu den Spendern und Anlegern vor dem Computer. Aber wie Premal Shah, Präsident von kiva, in einem Interview mit der New York Times sagte: „Eines Tages wird kiva eine tatsächliche direkte Verbindung ermöglichen können, sobald die rechtlichen Hürden entfernt sind und die Menschen in den Entwicklungsländern Mobiltelefone benutzen, um ihre Zahlungen zu machen.“

