Kein Verbot der Kinderarbeit!
Von: Jürgen Müller, LimaIn Peru arbeiten schon kleine Kinder, um ihrer Familie zu helfen. Oft in gefährlichen Jobs und gegen einen Hungerlohn. Doch die Jugendlichen kämpfen mit einer Kindergewerkschaft gegen die Ausbeutung, im eigenen Verband MNNATSOP.
«Seit der Kindheit mussten wir meine Mutter unterstützen», erzählt Edwin (16) aus der Gegend von Ica im Süden Perus: «Bevor wir zehn Jahre alt waren, gingen meine beiden Brüder und ich schon arbeiten.» Seine Herkunftsregion zählt zu den ärmsten in ganz Peru. Als Kind zu arbeiten, gehört hier zum Alltag vieler Familien. «Ich habe Brot auf der Strasse verkauft», erklärt Edwin. Diese Form der Kinderarbeit ist offensichtlich nicht nur wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern Teil des traditionellen Erbes.
Arbeit macht selbstbewusst
«Wir müssen weg kommen vom Schwarzweiss- Denken», sagt denn auch Marco Bazan von Terre des Hommes in Lima, Kinderarbeit sei nicht einfach nur negativ: «In der Tradition der Inkas bestand der Zusammenhalt der Familien auch darin, den Lebensunterhalt in der Unwirtlichkeit der Anden gemeinsam zu sichern. Von Kindesbeinen an.» So schöpft Edwin aus dieser (Mit-)Arbeit auch Selbstbewusstsein: «Nein, ich habe es nie bedauert, als Kind gearbeitet zu haben. Für mich war es die Chance, meine Fähigkeiten schon früh zu entwickeln, früher als viele andere und neben der Schule.» Edwin ist schockiert, wenn er hört, dass Kinder in anderen Ländern lieber Diebe werden als zu arbeiten. Er ist ein kompetenter Brotverkäufer und stolz auf seine Tätigkeit.
Systematische Ausbeutung
Unbestreitbar gehört Kinderarbeit in Peru zu einem ernst zu nehmenden Problem. Von den rund 3,3 Millionen arbeitenden Kindern und Jugendlichen sind zwei Drittel gefährlichen Aktivitäten ausgesetzt, sei es in der Industrie oder im Bergbau (Quelle: ILO und INEI, 2008). Viele andere arbeiten im Haushalt, als Autowäscher oder im Verkauf auf Märkten oder in Läden. Wie viele dieser Kinder jünger als 14 sind oder unter ausbeuterischen Verhältnissen arbeiten, ist schwer zu beziffern.
Für die eigenen Rechte
Doch die Jugendlichen haben eine Stimme. Seit 2005 gehört Edwin zu den NATs, den Niños y Adolescentes Trabajando, den arbeitenden Kindern und Jugendlichen, die im Movimiento Nacional de NATs del Perú, der Nationalen NATs-Bewegung Perus (MNNATSOP) zusammengeschlossen sind. «Ein Freund brachte mich zu den NATs», erklärt Edwin. Heute ist er einer der regionalen Delegierten der Bewegung und das Selbstbewusstsein steht ihm ins Gesicht geschrieben: «Unseren Verband gibt es seit 1976. Wir vertreten rund 30 lokale Organisationen in 18 Regionen Perus. » Es gehe nicht darum Kindern und Jugendlichen das Arbeiten zu verbieten: «Wir wollen mehr Gerechtigkeit! Wir treten für unsere Rechte ein und bekämpfen die Ausbeutung», betont Edwin. Die 17-jährige Yuliana aus Arequipa pflichtet bei: «Wir wollen und wir müssen arbeiten. Aber wir engagieren uns für gerechten Lohn, Schutz der Gesundheit und unsere Bildung.» Schon als Kind musste Yuliana ihre Eltern unterstützen. Sie arbeitete auf dem Markt, verkaufte Früchte und half dann in einem Hotel aus. «Heute gehe ich von 7 Uhr bis 12.30 Uhr zur Schule. Ab 15 Uhr arbeite ich in einem Kleiderladen – bis gegen 20 Uhr, von montags bis samstags», erklärt sie: «In meiner Freizeit spiele ich gerne Fussball und singe. Manchmal gehe ich ins Kino, wenn das Geld reicht.» Wenn Yuliana überzeugt von ihrer Arbeit bei MNNATSOP spricht, dann geht es um mehr als um Jugendrechte: «In unseren Seminaren geht es um Partizipation, um Mitbestimmung und die Arbeit für die Gesellschaft, auch wenn uns die lokalen Behörden nicht immer wahrnehmen oder zuhören.» Deshalb möchte Yuliana später auch beruflich am Thema bleiben und Jugendorganisationen begleiten, vielleicht Jura studieren, um sich auf anderer Ebene zu engagieren.
Lima ist nicht besser
Auch Yilda (16) aus Lambajeque arbeitet, seitdem sie zehn Jahre alt ist, um ihre allein stehende Mutter zu unterstützen. «Viele Jugendliche auf dem Land glauben, das Leben in Lima sei für sie besser, sie fänden gute Arbeit», weiss sie. Noch immer migrieren viele Menschen, darunter viele junge, nach Lima, das mit seinen rund neun Millionen Einwohnern aus allen Nähten zu platzen droht. An den felsigen Hügeln rings um die Hauptstadt kleben die «Pueblos jovenes», die jungen Dörfer, die von den Zugezogenen gegründeten Vorstädte. In diesen Slums fehlt es anfangs an allem, an Wasser, Strom und Arbeit. Doch die Menschen sind einfallsreich und motiviert, ihren Teil vom Aufschwung des Landes zu bekommen. Für Yilda jedoch ist klar: «Ich will in Lambayeque bleiben und mich dafür einsetzen, dass es auch ausserhalb der Hauptstadt besser wird, und dass wir uns unserer Kultur nicht mehr zu schämen brauchen.» Sie lernt Englisch, will später im Management arbeiten, oder sich weiter für die «Bewegung» einsetzen, wie sie es nennt.
Diskriminierte Landbevölkerung
Wer vom Land kommt, aus der Sierra, den Bergen, der gehört zu den «Cholos», den Hinterwäldlern, zu jenen, die schlecht oder gar kein Spanisch, sprechen, deren Muttersprache Ketschua ist. Landbewohner = Ketschua-sprachig = minderwertig – dieses Vorurteil ist in vielen Köpfen verankert. «Auf dem Land denken viele Leute, dass sie minderwertig seien, wenn sie ihre kulturellen Werte nicht aufgeben», unterstreicht Marco Bazan von Terre des Hommes. «Unsere Projekte zielen deshalb darauf ab, das lokale Bewusstsein zu stärken und das Minderwertigkeitsgefühl abzubauen. Ketschua zu sprechen oder Kinder bereits früh in das Arbeitsleben zu integrieren ist nichts Schlechtes, sondern Teil der kulturellen Vielfalt.» In solchen Projekten sammeln Jugendliche im Austausch von Land und Stadt neue Erfahrungen. So lernen sie positive und negative Seiten des anderen Lebens kennen. Diese Erlebnisse helfen Vorurteile abzubauen. Wie sagte Yuliana über ihr Leben als Jugendliche: «Lebensqualität bedeutet für mich, nicht nur sich selbst, sondern auch andere zu unterstützen und für die Gesellschaft zu arbeiten.»


