LAMM: Liga der aussergewöhnlichen Montagsmailer
Von: www.montagsmailer.chEinige Studierende an Uni und ETH Zürich wollten das Weltverändern nicht auf morgen verschieben. Nun stellen sie Fragen und schreiben muntere Mails mit nachhaltiger Wirkung. Jeden Montag nachzulesen auf ihrem Blog im Internet.
Vor eineinhalb Jahren entdeckten wir im Tages-Anzeiger eine Stellenanzeige für eine Praktikumsstelle bei der Stadt Zürich. Gesucht wurde ein Chemiker mit bestandenem Vordiplom. Seine Aufgabe: Müllsortieren im Werkhof. Die Anzeige ärgerte uns, denn die Stadt Zürich schien auf der Suche nach einer günstigen Arbeitskraft die Institution «Praktikum» missbraucht zu haben. Kurzerhand setzten wir ein Mail auf und schickten es an die Zeitung. Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich daran geglaubt, dass sich auf solch einfache Art und Weise Dinge verändern lassen würden. Doch, siehe da, plötzlich erschien im Tages-Anzeiger ein Artikel, in dem die Verantwortlichen gefragt wurden, weshalb für die Stelle im Werkhof ein Vordiplom in Chemie vonnöten sei und, ob dies überhaupt als Praktikum ausgeschrieben werden dürfe. Unser Mail hatte etwas bewirkt.
Fragen, Fragen, Fragen?
Dieses Mail an den Tages-Anzeiger markiert die Geburtsstunde von LAMM – der Liga der aussergewöhnlichen Montagsmailer. Nachdem wir realisiert hatten, welche Macht in einem kurzen Mail stecken kann, beschlossen wir diese Macht bewusst einzusetzen. Wir begannen Mails zu schreiben. Mails voller einfacher, kurzer, scheinbar naiver Fragen. Fragen, die uns alle irgendwann schon einmal beschäftigt hatten, auf die wir aber selbst keine einleuchtende Antwort gefunden hatten. Aber in unserer organisierten und ökonomisierten Welt muss irgendjemand eine Antwort auf diese Fragen haben. So schicken wir Fragemails an Leute, die eigentlich in der Lage sein sollten, eine Antwort zu liefern.
Die Fragen haben ein grosses Überthema: Nachhaltigkeit. Wir sind überzeugt, dass Verhaltensweisen, Geschäfte, Produkte, Verpackungen oder Tarifpolitiken, die ökologisch, sozial oder wirtschaftlich nicht nachhaltig sind, in der heutigen Welt keinen Platz mehr haben. Deshalb fragen wir bei Unternehmen und Stadtverwaltungen nach, sobald uns etwas nicht Nachhaltiges auffällt. Vielleicht steckt ja doch ein vernünftiger Grund dahinter, den wir einfach nicht entdecken konnten.
Weshalb? Warum? Wieso?
Wir fragen Coop, weshalb der Grossverteiler seine Bio-Teebeutel in Plastikbeutel verpackt? Wir erkundigen uns bei Coiffeur Valentino, weshalb er des Nachts seine Lichter brennen lässt? Oder wir zeigen uns bei der Modekette Chicorée erstaunt darüber, dass sie sich geweigert hat beim Clean-Clothes-Campaign-Labelführer der Erklärung von Bern mitzumachen, obwohl sich das Unternehmen auf der eigenen Website als sozial engagiert präsentiert:
«Guten Tag. Ich schreibe ihnen, weil ich gerne bei Chicorée einkaufe, da mir die Schnitte ihrer Kleider sehr gut sitzen. Vor allem ist es auch sehr praktisch, dass sie gerade im Shop Ville im Zürcher Hauptbahnhof eine Filiale haben. So kann ich immer noch kurz ein wenig lädele, wenn ich auf den Zug warte. Vor kurzem hat mir eine Freundin den Labelführer Fair Fashion gezeigt. Dort drin ist Chicorée unter der Kategorie „Verweigerer“ (= gaben keine Auskunft) aufgeführt. Das finde ich sehr schade, denn so ein Labelführer ist doch eine gute Sache. Wieso hat Chicorée da keine Auskunft gegeben? Sind die Anstellungsverhältnisse bei ihnen so schlecht, dass man sie verbergen muss? Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen. Vielen Dank und freundliche Grüsse.»
In der Zwischenzeit haben wir mehr als 60 solche scheinbar naive und höfliche Mails verschickt. Jeden Montag veröffentlichen wir die Fragen mitsamt Antworten und einem kurzen Kommentar auf unserem Montagsmailerblog. 60 Beiträge mögen nicht übermässig viel sein. Aber genau das ist unsere Botschaft an die Leser. Um die Welt zu verändern braucht es nicht Einzelne, die ausserordentlich viel tun. Jeder von uns kann etwas Kleines tun. Bei sich selbst, an seinem Verhalten etwas ändern. Vielleicht selbst ein Mail schreiben und sich bewusst werden, wen und was er mit seinem Verhalten unterstützen möchte.
Nutzen wir die Kaufkraft
Wir glauben nicht, dass wir Coop davon abbringen werden, seine Teebeutel in Plastikverpackungen zu stecken. Oder dass Coiffeur Valentino plötzlich alle Lichter ausmacht. Oder dass die Modekette Chicorée wegen unserem Mail sich bei der Erklärung von Bern entschuldigt. Denn unsere Macht über die Unternehmen selbst ist – der ganzen Fragerei zum Trotz – beschränkt. Die Unternehmen, die sich asozial oder unökologisch verhalten, gehören uns nicht. Aber das Geld, das wir auszugeben bereit sind, ist unseres. Als Konsumenten können wir darüber entscheiden, wem wir unser Geld überlassen. Wenn die Unternehmen unser Geld wollen, dann müssen sie unsere Fragen ehrlich und vernünftig beantworten können. Falls sie scheitern, hoffen wir, dass jeder, der unsere Mails gelesen hat, das nächste Mal an unseren Blog denkt, wenn er auf der Suche nach einem Coiffeur bei Valentino steht, oder beim Kleiderkauf auf den Eingang von Chicorée zusteuert. Spätestens dann stellt sich die Frage, ob wir mit unserem Geld tatsächlich Energieverschwender und Ausbeuter unterstützen wollen.


